Doppelter Schutz durch Judo

zurück

Die Kampfsportart hilft Michaela Stutz, Stress abzubauen und mit ihrer Behinderung besser klar zu kommen.
Michaela Stutz wirkt zierlich, aber auf der Judomatte kann die junge Frau kraftvoll zupacken und legt die meisten Gegnerinnen auch in höheren Gewichtsklassen schnell aufs Kreuz.

DÜLMEN. Michaela Stutz ist mit ihren gerade einmal 48 Kilogramm ein Leichtgewicht. Die junge Frau wirkt im Gespräch zunächst schüchtern, spielt verlegen mit ihren Haaren. Die 28- Jährige hat ein hübsches Lachen. Doch die Dülmenerin kann auch richtig zupacken.‚Wenn ich auf die Matte gehe, will ich meinen Gegner auf den Rücken zwingen. Je schneller, desto besser.“ Seit fast 20 Jahren betreibt die junge Frau jetzt Judo. Die Braungurt-Trägerin kann einige Erfolge vorweisen. Bei den europäischen Sommerspielen der Special Olympics im belgischen Antwerpen erringt sie gegen starke internationale Konkurrenz die Bronze-Medaille.
Eine ungarische Gegnerin bekommt bei einem Haltegriff die Stärke von Michaela Stutz zu spüren. Doch gegen eine Rumänin gibt es auch eine Niederlage. ‚Die war richtig stark.“ Die Erfolge im Judo für Michaela Stutz sind nicht selbstverständlich. Dahinter steckt harte Arbeit mit ihrem Trainer Bernard Freitag bei der DJK Dülmen und beim NRW-Landeskader mit Walter Gülden und Frank Schuhknecht. ‚Sollte Michaela weiterhin so fleißig trainieren, kann sie ihre guten Leistungen noch steigern. Sie ist auf dem besten Weg, sich ganz oben zu behaupten.“ Seitdem sie aufgehört habe zu rauchen ‚steigern sich auch ihre Leistungen“, sagt Trainer Bernard Freitag.
Der Sport hilft Michaela Stutz auch mit ihrer Erkrankung zurecht zu kommen. Die heute 28-Jährige hat eine schwere Kindheit hinter sich. Aufgrund einer anerkannten Lernbehinderung hat die junge Frau Schwierigkeiten, Druck auszuhalten. Ich werde schnell wütend“, gibt Michaela Stutz zu. Durch Medikamente sei sie aber gut eingestellt. „Beim Judo kann ich Wut abbauen. Zudem ist mir die Anerkennung wichtig.“
Die 28-Jährige hat ein strammes Tagespensum. Michaela Stutz arbeitet täglich von 8 bis 16 Uhr in den Werkstätten Karthaus. Als Siebdruckerin sorgt sie für die richtigen Beschriftungen von Spielen, wie „Mensch ärgere dich nicht“. Montags und dienstags ist sie beim Judo-Training. Zudem geht es ein Mal im Monat zum Landeskader-Training nach Leverkusen oder Hennef. Michaela Stutz spielt noch Keyboard und mit den Karthaus-Kickern Fußball. Sie geht regelmäßig schwimmen und zur Gymnastik. Sport gehört für mich einfach zum Leben dazu.‘
Aber am liebsten ist Michaela Stutz beim Judo. Doch da ist auch ein kleines Problem: „Wenn ich auf die Matte muss, zittern meine Hände“, gibt die junge Frau zu. ‚Das hatte ich schon immer.“ Dann versuche sie, den Kopf auszuschalten“ und sich auf den Gegner einzustellen. ‚Viele Kämpfer haben eine Lieblings-Seite, von der sie angreifen, oder einen Lieblingswurf oder Griff. Ich habe den Vorteil, dass ich von beiden Seiten kämpfen kann“, sagt sie stolz. Im kommenden Jahr will Michaela Stutz die Prüfung zum Schwarzen Gurt ablegen und mit dem Meistergrad die höchsten Judo-Weihen erlangen. Und sie freue sich auf die kommenden Wettkämpfe - auch mit dem Landeskader. „Das ist wie eine große Familie.“
Apropos Familie: Seit 2005 lebt Michaela Stutz bei Rita (62) und Reinhard Tatz (60). Zuvor war die junge Frau im Kinderwohnheim untergebracht .Wir mussten richtig kämpfen, um Michi zu uns holen zu können“, sagt Rita Tatz. Die Familie biete den Schutz, den die junge Frau so benötigt. Ansonsten helfe das Judo der 28-Jährigen, mit der Behinderung zurecht zu kommen. Und als Michaela Stutz das Foto zeigt, mit der Bronzemedaille aus Antwerpen, da ist auch das hübsche Lachen wieder da.

zurück

Letzte Änderung: 04.01.2015

Design downloaded from free website templates